Das Mega-Eisenbahnprojekt "Stuttgart 21" stößt auf erbitterten Widerstand. Aber Schuld ist nicht das Vorhaben selbst, sondern seine Befürworter, die kritische Bürger als fortschrittsfeindliche Querulanten abtun.
Auf de' schwäb'sche Eisebahne gibt's gar viele Haltstatione...": Mit der Gemütlichkeit und Behäbigkeit, in der das weithin bekannte Lied über die schwäbische Eisenbahn intoniert wird und im Hoch auf dieselbe ausklingt, ist es in deren modernster Version für das 21. Jahrhundert nicht mehr weit her.
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Am Montag besetzten Demonstranten den jetzigen Stuttgarter Bahnhof, 55 von Ihnen wurden wegen Hausfriedensbruch angezeigt: Auf diesem Bild tragen Polizisten einen Gegner des Projekts "Stuttgart 21". (© dpa)
Ganz im Gegenteil, das Großprojekt "Stuttgart 21" erregt Meinungsumfragen zufolge gut die Hälfte der Baden- Württemberger und allen voran die Stuttgarter Bürger so, als planten Politiker und sinistre Interessengruppen den Bau eines Atomendlagers mitten im städtischen Talkessel. Stuttgart 21: dabei geht es um ein zweiteiliges Großprojekt, dessen erste Wurzeln ins Jahr 1985 reichen. Der erste Teil des Projekts ist die Bahn- Schnellstrecke zwischen Wendlingen und Ulm, wo sich bis heute die Eisenbahnen mit Tempo 80 auf die Schwäbische Alb hinaufquälen. Im zweiten Teil soll der Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde verlegt werden, wodurch hundert Hektar Gelände zur Neubebauung in der engen Innenstadt frei würden.
Nun ist es auch bei diesem Megavorhaben von Bahn, Bund und Landesregierung nicht anders als bei anderen Verkehrs-Großprojekten auch. Ob Flughäfen um eine weitere Startbahn ausgebaut oder eine neue Umgehungsautobahn geplant wird - flammende Bürgerproteste für den Erhalt des Bestehenden sind schon programmiert. Da nun in Stuttgart Anfang August die ersten Abrissarbeiten am Bahnhof geplant sind, es also ernst wird, eskalierte die letzte der Montagsdemonstrationen, die seit Monaten stattfinden. Jedenfalls war es für gesittet-schwäbische Verhältnisse durchaus eine Eskalation: Demonstranten besetzten einen Bahnhofsflügel, 55 von ihnen wurden wegen Hausfriedensbruchs angezeigt.
Ausgerechnet die Grünen
Einerseits mutet es etwas seltsam an, dass ausgerechnet das protestierende Aktionsbündnis unter tatkräftiger Unterstützung der Grünen gegen einen Ausbau des Schienenverkehrs zu Felde zieht, den sie doch sonst immer vehement fordern. Andererseits ist eines seiner Kernargumente gut nachzuvollziehen, dass nämlich das inzwischen auf sieben Milliarden Euro kalkulierte Prestigeprojekt weitere Investitionen in den nachhaltigen Verkehrswegeausbau verhindert, weil kein Geld mehr dafür da ist.
Apropos Kosten: die sind nun zum neuesten Aufreger geworden, seit Bahnchef und Ministerpräsident soeben erst die seit 2004 unveränderte Kostenschätzung nach oben korrigiert haben. Um 865 Millionen auf 2,86 Milliarden Euro soll sich die Neubaustrecke verteuern, dazu kommen noch weitere 4,1 Milliarden für die Bahnhofs-Tieferlegung. Es erschließt sich aber nicht so recht, was daran aufregenswert sein soll. Wer 2004 den Bau eines Eigenheims plant und dann erst 2010 zur Tat schreitet, der muss auch mehr hinblättern.
Die Kosten werden kleingerechnet
Das wirklich Aufregenswerte ist die miserable Öffentlichkeitsarbeit, mit der solche Großprojekte von der Politik und sonstigen Projektbeteiligten begleitet werden. Die erst fragenden und dann immer lauter klagenden Bürger werden als fortschrittsfeindliche Querulanten abgetan, die die Dimension des einzigartigen Vorhabens gar nicht ermessen könnten.
Leider werden die Kosten solcher Vorhaben regelmäßig so kleingerechnet, dass sie dann ohne größere Probleme durch die demokratischen Instanzen gepaukt werden können. Und leider explodieren dann die tatsächlichen Kosten fast immer so, dass dies die Befürchtungen der Gegner noch übertrifft.
Wenn Politiker dann auch noch, wie in Stuttgart, ein Gutachten, das auf künftige Schwachstellen und Kapazitätsengpässe des Verkehrs hinweist, zwei Jahre lang unter Verschluss halten, muss sich keiner über lauten und empörten Protest wundern. Solcher Protest wird meist weniger durch den Zweifel am Projekt, sondern durch den Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Befürworter gespeist.
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(SZ vom 29.07.2010/jab)
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Seriös ist das nicht, wenn wenige Monate nach der Entscheidung und noch vor Baubeginn die Kosten "nachgerechnet" werden. Normalerweise passiert das erst während der Bauphase ;-)
Außerdem: Was bringt die Zeiteinsparung durch Hochgeschwindigkeitsstrecke und neuen Bahnhof, wenn die Bahn Züge und Strecken verrotten lässt, so dass wieder langsamer gefahren werden muss?
Deshalb sind ICEs heute teilweise so langsam wie ICs!
dieser text hat wenig mit einem seriösen kommentar als mit überflüssigem blabla zu tun - im völligen gegensatz zu dem von der autorin suggerierten protesten aufgrund "mangelnder glaubwürdigkeit der befürworter" wird stutgart 21 aufgrund gravierender zweifel am projekt kritisiert - nämlich dass der neue bahnhof keineswegs leistungsfähiger wird als der alte und vielmehr nachteile für den verkehr mit sich bringen wird und vorwiegend lukrativen immobiliengeschäften dienen soll - insofern ist die gegnerschaft der grünen sehr plausibel, wenngleich das von frau deckstein leider nicht ganz erfasst wird.
Die Behauptung der HBF Stuttgart wäre alt und verrottet und müsse aus dem Verkehr gezogen werden ist anzuzweifeln. Es gibt seriöse Konzepte den bestehenden Kopfbahnhof für einen Bruchteil der Unkosten von Stuttgart 21 zu modernisieren.
Wie bereits erwähnt, den Befürwortern seitens Bahn, Stadt und Land gehr es primär darum auf dem jetztigen Gleisareal zu bauen.
Hier ist wieder mal das TINA - Prinzip am Werke (there is no alternative), man hämmert den Leuten in die Birne es würde nicht anders gehen.
An D.Deckstein, es ist so in Deutschland was neu ist wird abgelehnt,oder zeredet. Das Stuttgard einen neuen Bahnhof mit einer komplett neuen Infrastrucktur braucht setze ich als bekannt voraus. Der jetzige Bahnhof und das DB Netz stammen noch aus dem 19 Jahrhundert zur Dampflock Aehra,viele Leser wissen darueber nicht bescheid. Auch hat dieses Projeckt mit dem Nadeloehr Geislinger Steige zu tun,dort koennen moderne Zuege nicht schneller als 70 km/h fahren. Die Strecke soll spaeter bis nach Ost Europa hineinreichen. Es ist auch mir klar,dass es fuer die Anwohner in Stuttgard nicht schoen ist eine riesen Baustelle fuer viele Jahre vor der Tuer zu haben. Nun erst wird gemeckert,man fliege auf der kurzen Strecke zu viel,das Auto soll es auch nicht unbedingt sein und die Bahn hat kein modernes Netz das Konkurenzfaehig ist. So liebe Leser und Leserinnen,wie haetten sie es gerne ? Wasch mich aber mach mich nicht nass dabei. Das Kosten bei solchen Projeckten steigen,sollte niemanden weiter aufregen,dass ist ganz normal,solange es im Rahmen bleibt. Eine schlechte Kalkulation,sollte man schon im Vorfeld bemerken. Hier gaebe es noch viel zu tun.
Stuttgart 21 ist primär ein Immobilienprojekt!
Die meisten prominenten Befürworter profitieren direkt von den entsprechenden Bau- und Immobiliengeschäften. So war der derzeitige Behnchef Grube geschäftsfürender Gesellschafter bei der Stuttgarter Immobliengrösse Häussler...
Es geht um ein riesiges Gleisareal hinter dem HBF das natürlich primär mit Gewerbe und Verwaltung bestückt werden wird - das zukünftige "Europaviertel".
Um diesen riesen Deal irgendwie zu rechtfertigen zog man dann diverse Pläne aus den Schublade, unter anderem die Untertunnelung des Hbf inclusive Umwandlung in einen Durchgangsbahnhof.
Dummerweise sind die diversen Bahnprojekte ziemlich dilettantisch geplant, so hat man zB den Tunnel der Neubaustrecke Wendlingen - Ulm zu steil für herkönmmliche Güterzüge geplant....). Die bestehende 16 gleisige Lösung hat diverse Vorteile und Funktionen die in Ausnahmesituatinen wichtig sind, zB kann auf verspätete Züge gewartet werden, S-Bahnen können übergangsweise oberirdisch einfahren,
Abgesehen davon werden in bewährter Salamitaktik reele Bau- und Planungskosten sowie Planungsfehler nur scheibchenweise und unter Druck zugegeben.
Insgesamt ist die im Artikel getroffene Aussage in Frage zu ziehe, das Projekt Stuttgart 21 würde weit unter Wert verkauft. Das Gesamtkonzept hat einen grundsätzlichen Geburtsfehler, es ist primär kein Bahnprojekt sondern ein städtebauliches bzw. ein Immobilienprojekt. Dies wurde übrigens auch in einem Gutachten des Bundesrechnungshofes festgestellt, welches vom Land BW und der Bahn AG einfach ignoriert wurde.
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